Warum Geben mir Leichtfeld und Annehmen Mut braucht

Ich habe lange geglaubt, dass Geben meine Stärke ist. Ich helfe gern. Ich sehe, wenn jemand Unterstützung braucht, und ich gebe sie aus einer inneren Fülle heraus. Ohne Bedingungen. Ohne etwas zurückzuerwarten. Nicht, um gesehen zu werden. Nicht, um Anerkennung zu bekommen. Sondern, weil es sich für mich stimmig anfühlt, weil es meinem inneren Kompass entspricht. Helfen ist für mich kein Opfer, sondern ein natürlicher Ausdruck von Verbundenheit und Verantwortung.

Was mir lange nicht bewusst war, ist die andere Seite. Nicht das Geben, sondern das Annehmen. Immer dann, wenn mir Hilfe angeboten wurde, passierte innerlich etwas ganz anderes. Plötzlich war da Scham. Angst. Ein Gefühl von Entlarvtsein. Als würde jemand sehen, dass ich etwas nicht weiß, nicht kann, nicht im Griff habe. Als würde mein Wert daran hängen, alles alleine schaffen zu müssen. Ich habe gemerkt, wie schwer mir Wissenslücken fallen, wie unangenehm es sich anfühlt, Unterstützung zu brauchen. Nicht, weil ich sie nicht will, sondern weil in mir sofort alte Antreiber anspringen. Die Angst, schwach zu wirken. Die Angst, abhängig zu sein. Die Angst, Kontrolle zu verlieren.

Diese Erkenntnis war für mich schmerzhaft und gleichzeitig unglaublich wertvoll. Ich habe verstanden, dass mein leichtes Geben und mein schweres Annehmen zwei Seiten derselben Geschichte sind. Dass mein Helfen aus innerer Fülle kommt, mein Zögern beim Annehmen aber aus alten Prägungen. Dass beides nichts mit richtig oder falsch zu tun hat, sondern mit Erfahrungen, mit Schutzmechanismen, mit dem, was ich früh gelernt habe. Und dass Annehmen für mich nicht Schwäche bedeutet, sondern Mut. Den Mut, mich zu zeigen. Den Mut, nicht perfekt zu sein. Den Mut, Verbindung zuzulassen.

Seitdem schaue ich genauer hin. Auf meine eigenen Reaktionen. Auf das leise Zusammenziehen im Körper, wenn mir jemand etwas abnehmen will. Auf den inneren Widerstand, obwohl ich eigentlich dankbar bin. Und ich übe. Nicht perfekt, nicht immer, aber bewusster. Ich lerne, dass auch Annehmen eine Form von Stärke sein kann. Und dass echte Begegnung dort entsteht, wo Geben und Nehmen sich auf Augenhöhe treffen.

Reflexionsfragen

Wie ist das bei dir?
Aus welcher Motivation heraus gibst du? Hilfst du aus innerer Fülle, aus Mitgefühl, aus Freude – oder ist vielleicht unbewusst eine Erwartung daran geknüpft, gesehen oder anerkannt zu werden?
Und wie gehst du mit dem Annehmen um? Kannst du Unterstützung wirklich zulassen oder tauchen Gedanken wie Scham, Angst oder das Gefühl von Schwäche auf?
Was glaubst du, würde passieren, wenn du Hilfe annehmen würdest, ohne dich dafür zu rechtfertigen?
Welche alten Überzeugungen könnten dich dabei noch zurückhalten?

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