Heute Morgen kam mir plötzlich ein Gedanke.
Einfach so. Ohne Vorwarnung. Mitten aus dem Nichts.
Und auf einmal musste ich über mein eigenes Leben staunen.
Vor zwei Jahren habe ich mich von meinem Mann getrennt. Nach ungefähr zwanzig Jahren Ehe stand ich plötzlich vor einem Leben, von dem ich keine Ahnung hatte, wie ich es bewältigen sollte.
Ich war ohne Mann. Ohne Ehe. Ohne Beziehung. Ohne Arbeit. Ohne die Familie, wie ich sie bis dahin gekannt hatte.
Und vor allem war ich voller Unsicherheit.
Wie soll es weitergehen? Wovon werde ich leben? Wie soll ich meine Wohnung bezahlen? Wie soll ich für meine Tochter sorgen? Werde ich überhaupt noch einen vernünftigen Job finden?
Ich weiß noch, wie unvorstellbar mir damals vieles erschien.
Und heute?
Heute sitze ich hier, zwei Jahre später, und stelle plötzlich fest: Ich habe es geschafft.
Ich habe eine Arbeit gefunden. Eine Arbeit, von der ich damals nicht einmal zu träumen gewagt hätte.
Ich verdiene mein eigenes Geld. Ich bezahle meine Miete. Ich versorge meine Tochter. Ich kann mit Freunden ausgehen, ins Restaurant gehen, verreisen. Ich kann mir schöne Dinge leisten und sogar Geld zur Seite legen.
Ich studiere. Ich entwickle neue Ideen. Ich denke über Bücher, eigene Projekte und ein Unternehmen nach.
Ich gestalte mein Leben.
Mein Gott, wann ist das eigentlich alles passiert?
Wann ist aus der Frau, die nicht wusste, wie sie die nächsten Monate überstehen sollte, eine Frau geworden, die ihre Zukunft selbst in die Hand nimmt?
Und warum habe ich das bisher kaum bemerkt?
Vielleicht, weil ich ständig damit beschäftigt bin, darüber nachzudenken, was ich noch nicht erreicht habe.
Was ich noch erledigen muss. Was ich besser machen könnte. Was mir fehlt. Was andere schon geschafft haben.
Und manchmal wache ich sogar nachts auf.
Dann beginnt diese Stimme in meinem Kopf:
Das hast du nicht gut gemacht.
Das hättest du anders machen müssen.
Da bist du noch nicht weit genug.
Immer wieder.
Als würde irgendwo in meinem Inneren eine strenge Prüferin sitzen, die meine Leistungen kontrolliert und grundsätzlich noch etwas zu beanstanden hat.
Und ich frage mich: Warum bin ich eigentlich nicht dankbarer?
Aber vielleicht ist das die falsche Frage.
Vielleicht bin ich durchaus dankbar. Vielleicht habe ich nur vergessen, zwischendurch stehen zu bleiben und anzuschauen, was aus meinem Leben geworden ist.
Denn während ich mich ständig auf das konzentriere, was noch vor mir liegt, übersehe ich das, was bereits hinter mir liegt.
Und plötzlich wird mir etwas klar:
Ich lebe heute ein Leben, das ich vor zwei Jahren für beinahe unmöglich gehalten hätte.
Ist das nicht ein Wunder?
Natürlich ist es kein Wunder, das einfach vom Himmel gefallen ist.
Niemand hat morgens an meiner Tür geklingelt und gesagt: „Guten Tag, wir hätten hier ein neues Leben für Sie. Einmal unterschreiben, bitte.“
Schön wäre es gewesen.
Nein. Ich musste Entscheidungen treffen. Ich musste mich überwinden. Ich musste lernen, mit Unsicherheit zu leben. Ich musste mich bewerben, arbeiten, Verantwortung übernehmen und manchmal weitermachen, obwohl ich überhaupt nicht wusste, ob meine Entscheidungen richtig waren.
Und trotzdem fühlt es sich heute wie ein Wunder an.
Vielleicht besteht ein Wunder manchmal genau daraus: dass ein Mensch etwas möglich macht, was er selbst lange nicht für möglich gehalten hat.
Und dann kam mir noch ein Gedanke.
Ein Gedanke, der mich beinahe elektrisiert hat.
Wenn ich vor zwei Jahren nicht einmal ahnen konnte, wo ich heute stehen würde – woher will ich dann wissen, was in weiteren zwei Jahren möglich ist?
Warum sollte mein heutiges Vorstellungsvermögen die Grenze meiner Zukunft sein?
Vor zwei Jahren hätte ich wahrscheinlich gelacht, wenn mir jemand mein heutiges Leben beschrieben hätte.
Vielleicht würde ich heute genauso lachen, wenn mir jemand erzählen würde, wie mein Leben im Oktober 2028 aussehen könnte.
Vielleicht werde ich bis dahin mein erstes Buch veröffentlicht haben.
Vielleicht werde ich eine Gemeinschaft von Frauen aufgebaut haben, die sich durch mein Schachprojekt kennengelernt haben.
Vielleicht werde ich eigene Workshops veranstalten, Vorträge halten und mit meinen Ideen Geld verdienen.
Vielleicht werde ich Menschen begegnen, von deren Existenz ich heute noch gar nichts weiß.
Vielleicht werde ich an einem Ort stehen, den ich heute noch nicht einmal auf dem Bildschirm meiner Vorstellungskraft sehen kann.
Ich weiß es nicht.
Und zum ersten Mal empfinde ich dieses Nichtwissen nicht nur als Unsicherheit.
Sondern als Möglichkeit.
Als Freiheit.
Als etwas unglaublich Spannendes.
Denn ich muss heute noch gar nicht wissen, wie alles funktionieren wird.
Ich wusste es damals schließlich auch nicht.
Aber eines weiß ich heute besser als vor zwei Jahren: Ich kann mehr verändern, als ich mir manchmal zutraue.
Und dann entsteht in mir ein neuer Wunsch.
Ich möchte nicht erst in zwei Jahren diese Frau sein, von der ich heute träume.
Ich möchte anfangen, sie jetzt schon zu sein.
Nicht, indem ich so tue, als hätte ich bereits alles erreicht.
Sondern indem ich beginne, so zu denken, zu entscheiden und zu handeln wie die Frau, die ich werden möchte.
Vielleicht wartet diese zukünftige Frau gar nicht irgendwo in der Ferne auf mich.
Vielleicht entsteht sie jeden Tag durch meine Entscheidungen.
Durch die Gespräche, die ich mich traue zu führen. Durch Ideen, die ich endlich umsetze. Durch neue Erfahrungen, die ich zulasse. Durch Fehler, die ich überlebe. Durch die kleinen Schritte, die irgendwann zu einer großen Veränderung werden.
Und vielleicht gehört noch etwas dazu.
Dass ich endlich lerne, nicht nur die Frau zu bewundern, die ich eines Tages sein möchte.
Sondern auch die Frau anzuerkennen, die ich heute bereits bin.
Die Frau, die Angst hatte und trotzdem weitergegangen ist.
Die Frau, die vieles verloren hat und sich ein neues Leben aufgebaut hat.
Die Frau, die manchmal nachts an sich zweifelt und morgens trotzdem wieder aufsteht.
Vielleicht sollte ich ihr gelegentlich etwas anderes sagen als: Das hast du nicht gut gemacht.
Vielleicht sollte ich ihr sagen:
Schau dich doch einmal um.
Schau, was du geschafft hast.
Erinnerst du dich noch daran, wie viel Angst du damals hattest?
Und jetzt schau, wo du stehst.
Heute Morgen habe ich kein neues Ziel erreicht. Kein Buch veröffentlicht. Kein Unternehmen gegründet. Keine Million verdient.
Ich habe nur für einen kurzen Moment mein eigenes Leben mit anderen Augen gesehen.
Und dabei etwas entdeckt, das die ganze Zeit schon da war.
Ich lebe gerade ein Wunder, das ich nicht bemerkt habe.
Und wenn ich dieses Wunder selbst mitgestalten konnte, dann bin ich unglaublich neugierig darauf, welches ich als Nächstes erschaffen werde.
